
Der Cirrusnebel, auch als Cygnus Loop bezeichnet, ist ein großflächiger Supernovaüberrest im Sternbild Schwan und zählt zu den eindrucksvollsten Filamentstrukturen des nördlichen Himmels. Er entstand aus der Explosion eines massereichen Sterns vor etwa 10.000 bis 20.000 Jahren (1). Die expandierende Stoßfront hat sich seitdem über eine Region von rund drei Grad am Himmel ausgedehnt, was einer realen Größe von etwa 110 Lichtjahren entspricht (2). Die Entfernung des Nebelkomplexes liegt nach aktuellen Messungen bei etwa 2.100 bis 2.400 Lichtjahren (3). Die Morphologie des Cirrusnebels zeigt ein nahezu ringförmiges System aus Schockfronten, das durch die Wechselwirkung der Supernovaexplosion mit dem heterogenen interstellaren Medium geformt wurde.
NGC 6960 bildet den westlichen Abschnitt dieses Überrests und wird aufgrund seiner zerfaserten Struktur häufig als „Witch’s Broom“ bezeichnet. Der Vordergrundstern 52 Cygni, der scheinbar im Nebel eingebettet ist, steht physisch nicht mit dem Überrest in Verbindung (4). Die filigranen Filamente von NGC 6960 entstehen durch dünne Stoßfronten, die sich beim Durchdringen unterschiedlich dichter Gasregionen ausbilden. Diese Strukturen erscheinen wie gekräuselte, in Seitenansicht gesehene Laken und sind ein typisches Kennzeichen für fortgeschrittene Supernovaüberreste, deren Stoßwellen zunehmend fragmentiert werden.
Spektral zeigt der Cirrusnebel eine starke Emission in OIII, die den Nebel in einem blaugrünen Licht hervorhebt und die schärfsten Filamente markiert (5). Hα‑Emissionen kennzeichnen ionisierten Wasserstoff, während SII‑Linien besonders dichte und langsamere Schockzonen anzeigen. Die Temperaturen variieren stark: In den heißesten Bereichen, die im Röntgenlicht sichtbar sind, erreichen sie mehrere Millionen Kelvin, während die optisch sichtbaren Filamente typischerweise bei rund zehntausend Kelvin liegen (6). Die Stoßfronten bewegen sich mit Geschwindigkeiten von bis zu etwa 1.6 × 10⁶ km/h, was die dynamische Natur des Überrests unterstreicht (7).
Der gesamte Cygnus Loop umfasst neben NGC 6960 die hellen östlichen Bögen NGC 6992/6995 sowie das komplexe Filamentdreieck von Pickering’s Triangle. Zusammen bilden sie ein dreidimensional wirkendes System aus expandierenden Gasstrukturen, das in Schmalbandaufnahmen eine enorme Detailfülle zeigt. Die Form des Nebels wird maßgeblich durch Dichteunterschiede im interstellaren Medium bestimmt, die die Stoßfront lokal abbremsen oder beschleunigen und so die charakteristische faserige Struktur erzeugen (8).
Beobachtungsseitig profitiert der Cirrusnebel stark von Schmalbandfiltern. Visuell wird er erst mit OIII‑Filtern in mittleren Teleskopen deutlich sichtbar, während er ohne Filter oft kaum auffindbar ist (9). Für die Astrofotografie eignet sich die getrennte Erfassung von OIII, Hα und SII besonders gut, da sie die unterschiedlichen physikalischen Bedingungen im Nebel sichtbar macht. NGC 6960 zeigt in OIII die kontrastreichsten Filamente, während Hα die großflächigere Schockfront betont. Die Kombination beider Linien ergibt ein vollständiges Bild der Dynamik dieses Supernovaüberrests.
Der Cirrusnebel ist damit ein Paradebeispiel für die langfristigen Auswirkungen einer Supernovaexplosion und ein ideales Studienobjekt für die Wechselwirkung zwischen Stoßwellen und interstellarem Gas. Seine Größe, seine filigrane Struktur und seine starke Emission in verschiedenen Linien machen ihn zu einem der spektakulärsten und am besten erforschten Supernovaüberreste des nördlichen Himmels.
(1) Fesen et al. 2018, Astrophysical Journal (2) Levenson et al. 1998, ApJ (3) Blair et al. 2009, ApJ (4) Hubble Heritage Team, STScI (5) Raymond et al. 1988, ApJ (6) Katsuda et al. 2011, ApJ (7) Sankrit & Hester 1997, ApJ (8) Hester 1987, ApJ (9) O’Meara, The Messier Objects, Cambridge University Press

AUFNAHMEDATEN
- EQ6-R in Gartensternwarte, guiding 80/240 mm mit ZwoAsi120MM-s
- Skywatcher Quattro 8“ f4 800mm Newton
- ZwoAsi1600MM Pro gain 76, offset 50 für RGB, gain 136 gain für Schmalband
- TsOptics 1.25 Filter RGB (81:98:63*60s), Ha (6.5 nm Svbony) OIII 6 nm (Optolong 1.25“ (104:78*180s), gesamt 13.1 h
- 50flats, darkflats, masterbias
- Nina, PHD2, APP, PI, Affinity Photo 2
- Aufnahmedatum: 06.-09.09.2023
